Herr Guye, wir sitzen in einem Hinterzimmer Ihrer Galerie im Seefeld und es stellt sich die Frage: Weshalb besuchen Leute heutzutage überhaupt noch eine Galerie für Kunstfotografie?

Einerseits gibt es Sammler aus der Schweiz und dem nahen Ausland, die vorbeikommen, um sich die Werke physisch vor Ort anzuschauen und um sich auszutauschen, andererseits kommen aber auch Liebhaber aus der ganzen Welt vorbei, die sich beruflich oder ferienhalber in der Schweiz aufhalten. Es ist jedoch so, dass die Zahl derer, die sich die Fotografien vor dem Kauf anschauen möchten, in den letzten Jahren abgenommen hat. So habe ich schätzungsweise nur ungefähr zehn Prozent meiner Kundschaft persönlich kennengelernt. Denn der Grossteil der Kunden kennt die Künstler und deren Werke bereits und möchte ein bestimmtes Bild erwerben, da spielen zum Beispiel Farbnuancen oder wie der Print in Realität wirklich aussieht keine Rolle bei der Entscheidung. Dies gilt speziell für zeitgenössische Fotografie, bei der der eigentliche Entstehungsprozess und die Technik dahinter an Bedeutung verliert, sondern hauptsächlich das Endresultat, das entstandene Bild zählt.

Glauben Sie, diese schwindende Bedeutung der physischen Wirkung von Bildern könnte auch damit zusammenhängen, dass Kunstwerke heutzutage vermehrt als Anlageobjekte verstanden werden?

Nein, dem würde ich so nicht zustimmen. Der Anteil jener, die Kunstwerke als reine Anlageobjekte erwerben, ist meinem Empfinden nach gleichgeblieben. Vielleicht hat er in den letzten Jahren ein bisschen zugenommen, da aufgrund der tiefen Zinsen und mangelnden Alternativen nach neuen Anlagemöglichkeiten gesucht wird. Diese Entwicklung lässt sich aber eher dadurch erklären, dass bei zeitgenössischer Fotografie nur noch vereinzelt klassische Druckmethoden eingesetzt werden, bei der es dann sichtbare Nuancen gibt, sondern es sich um digitale Prints handelt, die in der Qualität vergleichbar sind, weshalb ein Galeriebesuch vor dem Erwerb nicht mehr zwingend notwendig ist.

Welche Bedeutung kommt bei Ihrer Galerie Online-Verkäufen zu? Welchen Einfluss hatte dabei die Corona-Pandemie?

Da ich meine Galerie schon vor 15 Jahren, damals noch in Los Angeles, international ausgerichtet habe, verkaufte ich bereits damals ungefähr 50 Prozent meiner Werke online. Wobei Online-Verkauf ein wenig irrführend ist, denn als Galerie funktionieren wir nicht wie Amazon, wo man das gewünschte Produkt direkt über unsere Website bestellen kann. Vielmehr findet der Kontakt per E-Mail, Telefon oder via Social Media statt und Verhandlungen werden auch darüber geführt und die Fotografie wird schlussendlich, ohne je physisch in Kontakt getreten zu sein, versendet.

Vor Corona betrug der Anteil an solchen Online-Verkäufen schätzungsweise 60 bis 70 Prozent, mittlerweile verkaufen wir 80 bis 90 Prozent online. Dieser Wert ist im Vergleich zu anderen Galerien allerdings hoch, denn zeitgenössische Fotografie eignet sich natürlich besser als klassische Malerei oder Bildhauerei zum Online-Verkauf. Aber auch über die ganze Branche hinweg haben die Verkäufe über digitale Kanäle um knapp 50 Prozent zugenommen im Jahr 2020. Der Bedeutungsgewinn von Online-Verkäufen hat auch dazu geführt, dass ein Umdenken in Bezug auf die Preistransparenz stattgefunden hat: Früher wäre es undenkbar, ja verpönt gewesen, hätten Galerien die Preise für einzelne Werke ausgewiesen. Mittlerweile geben nicht nur wir bei jedem Werk eine ungefähre Preisspanne an, in der sich der definitive Preis bewegt.

Wie funktioniert dabei die Vermarktung von Kunst und Künstlern in einer immer mehr digitalisierten Welt?

Die Vermarktung unserer Künstler und deren Werke verlagert sich ebenfalls immer mehr in die digitale Welt. Dabei nutzen wir alle uns zur Verfügung stehenden Kanäle, also von unserer eigenen Website, über Social-Media bis hin zu spezialisierten Kunstplattformen. Dabei werden in Zukunft sicherlich auch virtuelle Ausstellungen eine zunehmende Bedeutung haben für uns.

Worauf achten Sie bei der Auswahl einer Ausstellung?

Das ist natürlich die zentrale und auch schwierigste Frage eines jeden Galeristen: Wie positioniere ich mich, welche Ausrichtung, welchen Fokus soll meine Galerie haben und wie setze sich diesen in meinen Ausstellungen um? Unser Fokus liegt auf zeitgenössischer Fotografie, also neuer und neuester Fotografie der letzten 20, 30 Jahren, mit einer Fokussierung auf japanische und koreanische Künstlerinnen und Künstler. Bei der Festlegung des Galerieprogramms ist es somit zentral, dass man sich innerhalb dieser Fokussierung bewegt und klare Akzente setzt. Bei der Planung bewegen wir uns auch in einem Spannungsfeld von Kunst und Kommerz: Auf der einen Seite sind wir ein Kunst-Retailer auf der anderen Seite aber auch ein Veranstalter eines kulturellen Events. Einerseits muss die Ausstellung also künstlerisch-kulturell wertvoll sein, andererseits muss sie natürlich auch kommerziell interessant sein. Hier ein Gleichgewicht zu finden, stellt neben der programmatischen Fokussierung der Galerie die Hauptherausforderung dar.

Spielt es bei der Auswahl der Künstler und deren Werke auch eine Rolle, was die Fotografien vermitteln sollen oder geht es dabei um rein ästhetische Aspekte?

Dies spielt ganz klar auch unter dem Gesichtspunkt der künstlerisch-kulturellen Relevanz eine Rolle, denn genau darin liegt das Interessante der Kunst und der Fotografie. Deshalb freut es mich zum Beispiel, dass wir nächstes Jahr mit einer taiwanesischen Künstlerin zusammenarbeiten werden, die eine neue Generation von Künstlern verkörpert, die einen ganz neuen Umgang mit dem Medium der Fotografie, den digitalen Medien und deren Kombination hat. Wir achten sehr darauf, dass wir unserem Publikum nicht nur ästhetisch ansprechende, sondern auch relevante, interessante Kunst anbieten, denn damit fest verbunden ist der Ruf der Galerie und damit auch meiner Arbeit. Es ist somit essenziell, dass ich mich im Vornherein mit den Werken, ihrer Bedeutung und der Person dahinter vertieft auseinandersetze.

Was ist Ihnen bei der Auswahl neuer Künstler besonders wichtig? Liegt der Fokus auf dem Renommee der Künstler oder suchen Sie nach neuen, aufstrebenden Talenten?

Wir versuchen eine interessante Mischung aus jungen, emerging Talents, wie die zuvor erwähnte taiwanesische Künstlerin, Mid-Careers, die bereits gezeigt haben, dass sie spannende und wichtige Arbeit produzieren können, und etablierten, bekannten Künstlern zu erzielen.

Dabei legen wir jedoch einen Fokus auf die Mid-Careers, da diese aus meiner Sicht die spannendsten sind. Denn sie verfügen bereits über einen gewissen Leistungsnachweis und werden mit grosser Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft noch gute und interessante Arbeit leisten. Jungtalente stellen hingegen die volatilste Gruppe dar, man kann nie genau abschätzen, wie es mit ihnen Zukunft weiter gehen wird und ob sie in ein paar Jahren überhaupt noch künstlerisch aktiv sein werden. Gleichzeitig sind sie die kostenintensivste Kategorie von Künstlern, da man stark in ihre Bekanntheit investieren muss, während ihre Werke für einen eher tieferen Preis verkauft werden. Die etablierten Künstler, sozusagen die Superstars der Branche, stellen dazu das Gegenstück dar; deren Fotografien verkaufen sich wie von selbst und sie benötigen keine grosse Unterstützung bei der Umsetzung von Ausstellungen. Bei Jungkünstlern benötigt es zudem viel Unterstützung bezüglich der Präsentation der Arbeiten, der Preissetzung, der Edition, der Rahmung und so weiter.

Wir sehen das gerade bei zwei Jungkünstlerinnen, mit denen wir zusammenarbeiten, wie zeitintensiv das ist. Denn diese Künstler waren sich davor gewohnt, für sich allein zu arbeiten und müssen dann ihr gesamtes Inventar ganz genau aufarbeiten, denn eine solche sorgfältige Aufarbeitung ist wichtige Voraussetzung, um deren Werke präsentierfähig und am Kunstmarkt handelbar machen zu können.

Wie entdecken Sie die eben beschriebenen Jungtalente?

In der Regel stossen wir entweder durch Empfehlungen von bereits durch uns vertretene Künstler oder durch Gespräche mit Experten, zum Beispiel mit Kuratoren oder Museumsdirektoren, auf neue, interessante Talente. Dann wiederum entdeckt man spannende Künstlerinnen und Künstler auch an Festivals und Messen.

Was benötigt eine Fotografie, damit sie Ihr Interesse weckt oder gar Begeisterung auslöst?

Ich vergleiche das immer mit dem Kennenlernen eines neuen Menschen: Man sieht das Gegenüber das erste Mal und irgendetwas gefällt oder interessiert einen, etwas springt einen an und wenn es einen dann nicht mehr loslässt, will man mehr darüber erfahren. Wer ist diese Person, die hinter dem Werk steht, was für Werke hat sie sonst noch hervorgebracht, handelt es sich um Zeitgeist oder ein paar lucky shots und so weiter. Man tritt dann in einen Dialog mit dem Künstler und beginnt diesen und seine Werke kennenzulernen.

Insbesondere in der japanischen Fotografie fesselt mich diese Spiritualität, Tradition, ja gar Religiosität, diesen Respekt vor der Sache und den ausgeprägten Sinn für Ästhetik, der mit ganz anderen Betrachtungsweisen verbunden ist. Diese Auseinandersetzung, das Entdecken neuer Ebenen und Aussagen fasziniert mich wahnsinnig. Wenn sich dann herausstellt, dass es sich dabei eben nicht nur um diesen einen, glücklichen Schnappschuss handelt, sondern sich ganze Serien von solchen Werken im Atelier finden lassen, bin ich hin und weg. Das ist es auch, was meinen Beruf als Galeristen unfassbar bereichernd macht.

Empfinden Sie diesbezüglich die schier unerschöpflichen Möglichkeiten zur Bildbearbeitung als Gewinn für die Kunst, die Fotografie und somit auch Ihre Arbeit oder stehen Sie dem kritisch gegenüber?

Es gab ja bereits früher in der klassischen Fotografie die Möglichkeit, in der Dunkelkammer oder im Fotolabor bewusste Veränderungen am Bild vorzunehmen. So zum Beispiel Man Ray, der schon in den 1920er Jahren ganz bekannte Bildmanipulationen durchführte. Es war also schon immer Teil der Fotografie beziehungsweise eine Kunstform innerhalb der Fotografie. Als jedoch Photoshop aufkam, war es in der Anfangszeit tatsächlich verpönt, wenn Künstler ihr Bilder bearbeitet haben. Heute gilt dies jedoch nicht mehr, denn Künstler wie Andreas Gursky, der durch moderne Bildbearbeitung neue Realitäten und kunsthistorisch bedeutende Werke geschaffen hat, manifestierten auch diese Form der modernen Manipulation in der Kunstwelt. Bei der modernen, zeitgenössischen Fotografie dreht sich schlussendlich alles um das Resultat, um das Image-Making, der Weg dorthin interessiert weniger.

In der heutigen Zeit, in der jeder ein Smartphone in der Hosentasche mitträgt, könnte man verleitet sein zu meinen, dass jeder ein solches Foto schiessen kann – denken Sie, dass das Verständnis für die Fotografie als Kunstform dadurch abhandenkommt?

Es hat sicherlich eine Demokratisierung der Fotografie durch das moderne Smartphone stattgefunden. Ich habe diesbezüglich auch vor etwa sechs Jahren eine Ausstellung mit dem Namen «20/20vision» veranstaltet, bei der ich 20 Kuratoren eingeladen habe, die wiederum 20 Künstler vertreten haben, welchen man in dieser Bilderflut mehr Beachtung schenken müsste. Es ging also darum, das eigene Auge wieder zu schärfen und diesem Trend entgegenzuwirken.

Doch das heisst natürlich nicht, dass alle mit einem Smartphone geschossenen Bilder schlecht sind. Es gibt durchaus Künstler, die mit einem iPhone interessante und wichtige Werke schaffen, wie zum Beispiel Nick Knight, deren Bilder aus der Serie «Roses from my Garden» für über 40 Tausend Pfund verkauft werden. Denn auch hier gilt, dass am Schluss das Resultat, die Fotografie entscheiden ist und nicht, wie oder mit welcher Kamera es geschossen wurde. Es ist auch möglich, dass Talente erst dank dieser Demokratisierung durch das Smartphone entdeckt werden, wie das zu Beispiel bei einer jungen Iranerin kürzlich der Fall war, die Schwarz-weiss-Fotografien mit ihrem iPhone aufnahm, auf Instagram postete und dann von einem unserer Künstler entdeckt wurde, der ihre Bilder schliesslich in sein neues Buch aufnahm.

Beim Kauf eines Gemäldes kann ich mir sicher sein, dass es nur dieses eine Original gibt, bei der Fotografie hingegen ist es möglich, dass das Werk hundertfach vervielfältigt wird. Stellt dies keine Problematik für mögliche Käufer dar? Wie gehen Sie damit um?

Das ist auch immer die erste Frage und grösste Sorge von Erstkäufern. Doch genau deshalb ist die vorher angesprochene Buchhaltung über Werke so wichtig: Wenn ein Künstler eine neue Serie auf den Markt bringt, muss ganz genau bestimmt sein, wie viel Werke in welchen Formaten und welcher Auflage darin enthalten sind. Der Vorteil einer Auflage oder Edition ist natürlich, dass die Kunst zugänglicher ist, da der Preis bei einer Auflage tiefer liegt als bei einem Unikat. Wichtig ist, dass es sich trotz allem um jeweils sehr kleine Editionen handelt. Dass ein Künstler sich dann nicht an diese Auflagenzahl hält, kommt nicht vor, denn einerseits wäre das Betrug und andererseits würde das den Ruf des Künstlers dermassen schädigen, dass er nie wieder im Kunstmarkt tätig sein könnte. Zusätzlich sind Original-Werke zertifiziert und jeder Besitzerwechsel wird dokumentiert.

Momentan ist digitale Kunst und insbesondere NFTs in aller Munde. Befürchten Sie, dass diese neue Form von Kunst die heutige, physische Kunst ablöst oder ist eine Koexistenz möglich?

Wann immer solch völlig ungekannte, disruptive Neuerungen aufkommen, wird befürchtet, dass das Bestehende abgelöst wird. Das war schon beim Aufkommen von Computern der Fall als prophezeit wurde, dass nun Bücher obsolet werden. Das hat sich bekanntlich nicht bewahrheitet und genauso wenig glaube ich, dass das bei der digitalen Kunst so sein wird. Ausserdem sind NFTs eng mit Kryptowährungen gekoppelt und da stellt sich die Frage, ob sich diese langfristig etablieren können. Davon abhängig ist auch, ob NTFs kunsthistorisch von Bedeutung sein werden. Es wird sich zeigen, ob NFTs reine Spekulation sind, was bei Kryptowährungen meiner Meinung nach der Fall ist, oder ob diese neue, digitale Kunst wirklich einen künstlerischen Wert besitzt.

Sie sind also der Meinung, dass es sich bei NTFs um einen kurzfristigen Trend handelt und nicht um eine langfristige Entwicklung?

Es ist jetzt noch zu früh, um das zu beurteilen, aber ich bin der Meinung, dass der Handel mit digitaler Kunst momentan auf reiner Spekulation beruht, denn für mich erfüllen NFTs die Grundaufgabe der Kunst nicht, sie sind in meinen Augen mehrheitlich künstlerisch nicht wertvoll. Es ist ein Hype um diese Kunstform entbrannt, weil es sich einfach um etwas gänzlich Neues handelt, was man zuvor nicht kannte. Aber natürlich kann ich diesen Reiz zu einem gewissen Grad nachvollziehen, auch ich habe meine ersten NFTs geminted.

Sie glauben, dass die Erklärung für das gesteigerte Interesse an digitaler Kunst reine Neugierde ist?

Nein nicht nur. Es findet auch einen Wandel in der Kundschaft für hochpreisige Kunst statt. Früher waren Käufer teurer Kunst meist im Finanzsektor tätig, das sind Leute, die ein generelles Faible an Schönem haben, sei es im Bereich des Wohnens, der Kleidung, der Kulinarik oder eben der Kunst. Heute gibt es immer mehr Jungreiche, die aus dem Bereich der modernen Technologie kommen, so habe ich zum Beispiel bei einem Auktionshaus erfahren, dass das Gros ihrer Käufer für digitale Kunst aus diesem Sektor kommen. Diesen Leuten fehlt im Gegensatz zu denen aus der Finanzwelt oft dieses kulturelle Verständnis, sie haben dafür ein vertieftes Verständnis für technologische Lösungen und Produkte, wie eben Kryptowährungen und NFTs.

Apropos Auktionshaus – immer wieder machen Rekordsummen bei Kunstversteigerungen Schlagzeilen: Können Sie diese Entwicklung nachvollziehen und ist sie gerechtfertigt?

Diese Preissteigerung muss fast zwangsläufig stattfinden: Einerseits steigt das Vermögen seit Jahren und insbesondere bei wohlhabenden Personen stark an, andererseits sind die Preise für Immobilien, Aktien und auch Rohstoffe auf einem absoluten Hoch. Dennoch besteht weiterhin ein Investitionsbedarf auf Seiten der Vermögenden. Das Geld fliesst deshalb vermehrt auch in Kunstobjekte, was deren Preis in die Höhe treibt.

Das heisst, die hohen Preise für Kunstobjekte sind auf eine reine Alternativlosigkeit an Anlagemöglichkeiten und nicht auf einen künstlerischen Wert zurückzuführen?

Dass die Preise momentan so hoch sind, hängt sicherlich stark mit dieser Alternativlosigkeit zusammen, aber so generell kann man damit dieses Phänomen nicht erklären, man müsste jeden Fall für sich anschauen. Aber natürlich, wenn man bedenkt, dass 450 Millionen Dollar für das Gemälde «Salvator mundi» bezahlt werden, ohne dass sicher ist, dass es sich wirklich um ein Werk von da Vinci handelt, ist das von jeglicher Realität losgelöst. Andererseits war das bei Kunst- und Sammlerobjekten schon immer so; es gibt auch Menschen, die bezahlen für eine seltene Briefmarke zwei Millionen. Wenn bei Preisen einmal die Sphäre des Irrationalen erreicht wurde, gibt es keine Grenzen mehr.

Was ich problematisch finde, ist, dass heutzutage der Wert eines Werks über seinen Preis definiert wird, während Künstler früher durch eine unglaubliche Schaffenskraft, Energie, Talent und jahrzehntelange Arbeit Experten und Sammler überzeugen mussten, um zu Bedeutung zu gelangen und hohe Preise für Ihre Werke verlangen zu können. Man musste sich also mit harter Arbeit einen Ruf aufbauen, während heute eines der ersten NFT-Werke für knapp 70 Millionen Dollar verkauft wurde. Damit habe ich Mühe, mich abzufinden.

Wagen wir gegen Schluss einen Blick in die Zukunft: Was sind aus Ihrer Perspektive die spannendsten Entwicklungen in der Kunstwelt, die uns in den nächsten fünf, zehn Jahren beschäftigen werden?

Natürlich wird es spannend sein, wie sich NFTs in Zukunft entwickeln werden und ob sie sich langfristig etablieren können. Allgemein wird es interessant sein, die Entwicklung des ganzen Bereichs digitale Medien, Multimedien zu verfolgen und wie die Kunst damit umgehen wird. Es ist aber auch so, dass es Gegenbewegungen zu allem Digitalen gibt und dass vor allem ganz junge Künstler in der Fotografie das Analoge für sich entdecken. Insgesamt erwarte ich aber in den nächsten fünf Jahren keine wirklich grossen Veränderungen auf dem Kunstmarkt. Es ist nämlich schon so, dass sich die klassische, etablierte Kunst eher langsam bewegt.

In einem Interview vor ungefähr dreizehn Jahren haben Sie erwähnt, dass Ihr erstes Lebensabschnittswerk die Werbung sei und dass Sie nun in Ihrem zweiten der Kunst und Fotografie nachgehen. Wie sieht Ihre persönliche Perspektive aus: Folgt schon bald Ihr drittes Lebensabschnittswerk und wenn ja, worum wird sich dieses drehen?

Momentan befinde ich mich noch immer in meinem zweiten Lebensabschnittswerk, bin absolut glücklich und zufrieden bei dem, was ich tue, und glaube auch nicht, dass sich das in den nächsten fünf Jahren ändern wird. Natürlich schaue ich immer mal wieder nach links und rechts, was es noch für interessante Themen gibt, aber da hat sich noch nichts Genaues für die Zukunft manifestiert.

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Christophe Guye war 15 Jahre lang Inhaber und Geschäftsführer einer Kommunikationsagentur in Zürich, die 2004 von einem internationalen Agenturnetzwerk übernommen wurde. Seit 2006 ist er als Galerist und Kunsthändler für zeitgenössische Fotografie tätig. Im selben Jahr eröffnete er seine Galerie – vormals SCALO|GUYE Gallery – in Los Angeles, die seit 2010 unter dem Namen Christophe Guye Galerie in Zürich ansässig ist und zahlreiche national und international renommierte Künstlerinnen und Künstler vertritt, die das Medium der Fotografie in einem erweiterten Kontext der zeitgenössischen Kunst betrachten. In dieser Zeit hat er über hundert Ausstellungen in Kulturinstitutionen, Museen, und Partnergalerien in der Schweiz und im Ausland organisiert. Ausserdem ist die Galerie an internationalen Kunstmessen wie der Paris Photo, Photo London, Unseen Amsterdam und der Photo Shanghai vertreten. Darüber hinaus berät er zahlreiche private Kunstsammler sowie institutionelle Sammlungen bei der Entwicklung und Erweiterung ihrer Sammlungen. Seit 2021 ist Christophe Guye auch als Gastdozent an der Lehr- und Forschungsstelle für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Universität Zürich tätig.

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