Wir leben in einer Zeitenwende, in einer Zeit, die durch fundamentale Diskontinuitäten bestimmt wird. Und das gleich in drei Dimensionen: Ökonomisch, ökologisch und politisch.  

Ökonomischer Wandel – Getrieben durch die Digitalisierung wird ähnlich wie bei dem Übergang von der Agrarwirtschaft ins Industriezeitalter zumindest ökonomisch kaum ein Stein auf dem anderen bleiben. Die Tragweite dieser Veränderungen ist noch nicht vollständig verstanden, aber die Zeichen sind eindeutig und unübersehbar 

Wie Mitte des 19. Jahrhunderts der Wert von Land als entscheidender Wirtschafts- und Machtfaktor schwand, schwindet heute der Wert von Kapital. Die Zinsen als der Preis für Geld bewegen sich schon seit längerem Richtung Null oder gar ins Negative. Aber auch die darüber hinausgehende monetäre Expansion der Zentralbanken, die dynamisch wachsende “Weltverschuldung” oder die Diskussion über Helikoptergeld und bedingungsloses Grundeinkommen deuten darauf hin, das Kapital seine Rolle als der wesentliche ökonomische Engpassfaktor verliert. Kapital ist ganz offensichtlich nicht mehr knapp, sondern wird einfach geschöpft, wann und wo es benötigt wird. Da Kapital nicht mehr knapp ist, verleiht es aber auch immer weniger Macht. Es wird ersetzt durch die neuen Engpassfaktoren der Wissensgesellschaft: Daten und Wissen.  

Ökologischer Wandel – Über die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels wird viel diskutiert und publiziert. Geschwindigkeit und Dimension der uns bevorstehenden nichtlinearen Veränderungen ist in unserer Gesellschaft aber noch in keiner Weise verinnerlicht. Nach einer neuen Studie des McKinsey Global Institutes (MGI) ist eine Erderwärmung um drei bis vier Grad schon heute kaum mehr vermeidbar. Bereits im aktuellen Jahrhundert wird sich unsere Erde so verändern, dass in dem Lebensraum, der heute 80 bis 90 Prozent der Menschheit beheimatet, ein menschliches Leben ohne technische Hilfsmittel kaum mehr möglich sein wird. Nur der Streifen von Russland über Kanada nach Nordeuropa und alle Gebiete nördlich davon sowie Neuseeland ganz im Süden werden dann noch Lebensbedingungen bieten, wie wir sie heute kennen.  

Politischer Wandel – Politisch erleben wir zugleich eine Erosion der freiheitlichen Demokratie als das überlegene politische Systems des Industriezeitalters. Trotz nie dagewesener Prosperität und hohem Wohlstand schwindet der gesellschaftliche Konsens. Wir diagnostizieren eine Polarisierung der Standpunkte und Programme bei nachlassender Toleranz und inhaltlicher Qualität des Diskurses.  

Die Parallelität dieser drei Entwicklungen ist kein Zufall, sind sie doch alle drei getrieben durch menschengemachte Technologien. Dass der Klimawandel Folge von Menschen geschaffener und CO2 emittierender Technologien ist, wird nur noch von wenigen Unbelehrbaren bezweifelt. Und die Digitalisierung ist der entscheidende Faktor für die dramatische Veränderung unserer Wirtschaft und gleichzeitig auch verantwortlich für die derzeitige Erosion unseres politischen Systems. Es ist paradox, aber das Internet mit seinen sozialen Medien erschwert eine ausgewogene Information der Bürger als Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Es schafft Teilöffentlichkeiten, die Desinformation und Radikalisierung befördern 

Gleichzeitig nimmt die Veränderungsgeschwindigkeit dramatisch zu. Der Klimawandel verstärkt sich selber und verläuft daher nicht linear. Technologiezyklen verkürzen sich immer weiter. Neue digitale Plattform-Technologien entstehen nicht mehr alle zehn Jahre, wie noch Ende des letzten Jahrhunderts, sondern in der vorangegangenen Dekade eher alle drei Jahre. Morgen vielleicht bereits alle ein bis zwei Jahre. Wir machen uns keine Vorstellung, was neue Technologien in den nächsten Jahren hervorbringen und wie schnell sie unsere Welt verändern werden – zum Beispiel in den Bereichen künstliche Intelligenz, Mobilität, virtuelle Realität, Geschäftsabwicklung oder Lebenserwartung.  

Was bedeutet das für uns? Eine schlichte Extrapolation der drei beschriebenen Entwicklungen zeigt den Weg in eine Katastrophe. Sie führt zu Wohlstands- und Bedeutungsverlust, schwer erträglichen klimatischen Bedingungen und hoher politischer Instabilität. Weitermachen wie bisher mit nur inkrementellen Veränderungen ist daher keine Option. Es ist an der Zeit, den klaren Diagnosen mutige Therapien folgen zu lassen. Es hört sich vielleicht abgegriffen an, aber radikale Veränderungen bedürfen radikaler Maßnahmen.  

Diejenigen, die das begreifen, setzen jetzt, so viel es geht, das reichlich vorhandene Kapital in Daten, digitale Infrastruktur, Bildung und nicht zuletzt Wissen um, um sich für das neue Zeitalter zu rüsten. Heute Kapital anzuhäufen auf Kosten dringend benötigter Investition in Daten, Wissen und den dazugehörigen Unternehmen, ist wie Land kaufen zu Zeiten der ausgehenden Agrargesellschaft als Vorbereitung für die damals aufkommende Industriegesellschaft. Im Rückblick wissen wir, es wäre besser gewesen, rechtzeitig Land in Kapital umzusetzen und dieses dann in industrielle Produktionsanlagen zu investieren. Deswegen macht sich nicht diejenige Regierung schuldig an den kommenden Generationen, die sich heute Kapital für dringend notwendige Zukunftsinvestitionen zu Nullzinsen leiht, sondern diejenige, die es unterlässt massiv in die Grundlagen der kommenden Wissensgesellschaft zu investieren.  

Wir investieren um Faktoren zu wenig in den Aufbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur, in die Entwicklung unseres Humankapitals und in neue, wissensbasierte Unternehmen. Auch wenn sich die Europäischen Venture Capital Investitionen in den vergangenen Jahren bereits verdreifacht haben, ist der Betrag nicht nur absolut gesehen immer noch sehr klein. Im Vergleich zu den USA liegt er per Capita gerade mal bei einem Viertel und auch in den USA könnte und sollte noch mehr investiert werden!  

Der Mangel an Innovationskapital ist tatsächlich auch der entscheidende Grund für den Rückstand der Europäer beim Aufbau neuer, global führender Digital Konzerne. Dabei sind die Voraussetzungen, eine wesentliche Rolle bei der nächsten Phase der Digitalisierung zu spielen, grundsätzlich gut: Die europäische Expertise im Bereich komplexer unternehmerischer Wertschöpfungsprozesse ist international führend. Für die Digitalisierung dieser Prozesse – das beinhaltet unter anderem das Thema Industrie 4.0 – starten wir daher mit einem durchaus substantiellen Vorsprung.  

SAP ist hier sicherlich ein leuchtendes Beispiel für derartige Unternehmen. Aber wir sehen in jüngerer Zeit auch zunehmend europäische Startups aus dem DeepTech– Bereich, die sich anschicken, global führende Positionen im “Enterprise-Internet” einzunehmen. Beispiele sind Celonis, ein deutsches Software Unternehmen, das Geschäftsprozesse digital abbildet und auf verborgenes Prozesswissen analysiert, oder UIpath aus Bukarest, der führende Anbieter für Softwareroboter im Bereich „Robotic Process Automation“. Interessant ist auch, dass ohne Ausnahme alle relevanten Neobanken wie N26 oder auch Revolut aus Europa kommen. Auch hier sind es die Europäer, die die Neugestaltung der unternehmerischen Wertschöpfungsprozesse in der riesigen Bankenindustrie vorantreiben. Aber – diese einzelnen Lichtblicke dürfen uns über die grundsätzliche Misere nicht hinwegtäuschen. Wir müssen noch weit mehr Kapital mobilisieren um unsere gute Basis ins Digitalzeitalter zu transferieren – dann aber auch nur dann kann Europa wieder ganz weit vorne mitspielen.  

In gleicher Weise sind massive Investitionen in den Klimaschutz nötig. Die Lösung des Klimaproblems wird nur mit Technologie möglich sein. Im Kern geht es um die Entwicklung von Technologien zur umfassenden CO2-emissionsfreien Energieerzeugung. Das dafür nötige Kapital jetzt nicht zu investieren erhöht die Hypothek, die wir zukünftigen Generationen hinterlassen in viel größerem Maße, als eine Schuldenquote jenseits des 60-Prozent-Maastricht-Kriteriums, dessen Relevanz bei nachhaltigen Niedrig- oder Negativzinsen ohnehin mehr als fraglich ist.  

Es geht also um die mutige Bereitstellung des nötigen Investitionskapitals in einer Zeit, in der Kapital seinen traditionellen Status als Engpassfaktor zunehmend verliert. Gerade deswegen sollte uns diese Bereitstellung nicht schwerfallen. Stellen wir uns etwa einen kreditfinanzierten staatlichen Investitionsfonds über 1 Billion Euro vor, wie ihn die Norweger bereits seit langem haben. Dieser norwegische Fonds ist zwar nicht kreditfinanziert, liefert aber seit Jahrzehnten hohe ein- oder sogar zweistellige Renditen pro Jahr. Allein in 2019 waren es 18 Prozent oder 180 Mrd. Euro! Ein kreditfinanzierter Fonds sollte nicht schlechter sein – nur dass er derzeit noch obendrein mehrere Milliarden Euro pro Jahr an Negativzinsen für die ausgegebenen Anleihen generieren würde. So stünden Jahr für Jahr mindestens 100 Mrd. Euro für zusätzliche Investitionen zur Verfügung, ohne dass sich der Kapitalstock des Fonds auch nur um einen Euro reduziert.  

Niemand müsste zusätzliche Steuern oder Abgaben zahlen oder auf irgend etwas verzichten. Zudem stiege noch nicht einmal die effektive Nettoverschuldung, da der zusätzlichen Billion Schulden eine Billion Fondsvermögen gegenüber stünde, aus der zu gegebener Zeit die zusätzlichen Schulden auch wieder getilgt werden könnten 

Während mit massivem Kapitaleinsatz und den damit ermöglichten zielgerichteten Investitionen den gefährlichen Folgen der absehbaren Diskontinuitäten in den Bereichen Ökonomie und Ökologie begegnet werden kann, ist die Situation in der Politik etwas anders. Die Hauptherausforderung liegt dort in der Entwicklung eines wirkungsvollen ordnungspolitischen Rahmens für den Umgang mit zukünftigen Technologien und der absehbar wertvollsten Ressource unserer Zeit, also Daten, Wissen und Information. Dieser Rahmen muss in der Lage sein, technologische Entwicklungen zu kanalisieren, d.h. ungewollte Entwicklungen verhindern und die gewollten gesellschafts-kompatibel gestalten. Ein Beispiel wäre die Eindämmung der sich entwickelnden Teilöffentlichkeiten in den sozialen Medien durch wirksame Regularien zugunsten einer wieder mehr gemeinschaftlichen Öffentlichkeit. Der gesamte Umgang mit Daten, Wissen und Information als dem zentralen Machtfaktor der kommenden Wissensgesellschaft muss vermehrt unter einer wirksamen Kontrolle stehen, ähnlich wie wir es mit der Finanzaufsicht für das Kapital in Zeiten der Industriegesellschaft erfolgreich vorexerziert haben.  

Daten und Wissen sind eben Segen und Fluch zugleich. Wir brauchen sie, um uns ökonomisch und ökologisch zu behaupten und wir müssen den Umgang damit kontrollieren, um unsere Freiheit bzw. unsere freiheitlichen Demokratien zu erhalten. Die Zeit drängt in allen drei Dimensionen: Wir müssen verstehen, dass wir Daten und Wissen irgendwann mit unserem Geld nicht mehr in ausreichendem Umfang werden erwerben können. Daher müssen wir jetzt investieren. Das gilt noch viel mehr für die dringend nötigen Investitionen gegen den Klimawandel sowie für die überfälligen politischen Initiativen zur Eindämmung der technologiegetriebenen Destabilisierung unseres freiheitlich demokratischen Systems. Es ist wichtig zu verstehen: Es geht keineswegs nur um relative wirtschaftliche Stärke. Es geht um nichts weniger als eine Zeitenwende und den einigermassen kontrollierten Ablauf des großen nächsten Entwicklungsschritts unserer Zivilisation.

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Hendrik Brandis ist Partner und Mitgründer von Earlybird und arbeitet aus dem Münchner Büro.  Er leitet den Industriesektor „Deeptech and enterprise productivity“ für Startups mit Software- und Hardware-Produkten im Unternehmensbereich sowie ausgewählten Hochtechnologiethemen. Hendrik Brandis war viele Jahre Vorstandsmitglied der EVCA (European Venture Capital Association) sowie Chairman des EVCA Venture Capital Platform Councils. Hendrik Brandis verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung als Investor. Vor der Gründung von Earlybird war Hendrik Brandis Partner bei McKinsey & Company, wo er die Initiative für kleine und mittelgroße Unternehmen leitete und aktiv die Gründung von McKinsey New Venture unterstützte. Zuvor sammelte Hendrik Brandis operative Erfahrung als Projektmanager für Technologieentwicklung im Leitungsstab Flugzeuge von MBB (heute Teil von Airbus). Hendrik Brandis studierte Maschinenbau an der Technischen Universität München und promovierte dort in Luft- und Raumfahrttechnik. 

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