Wir alle stehen im Studium oder Berufsleben ständig vor schwierigen Entscheidungen, vor gewollten oder ungewollten Veränderungen. Man befindet sich dann in einer Phase der Überforderung oder leidet unter dem Routinealltag – früher oder später erlebt jeder solche oder andere Herausforderungen.

Fachwissen allein hilft in diesen Situationen nicht weiter. Um sie zu meistern, helfen Techniken der Selbstführung. Gestärkt werden durch diese Techniken besonders die heutzutage wichtige Flexibilität und Motivation zur Veränderung. Dies bedeutet, keinen Stillstand zuzulassen und Überraschungen anzupacken.

Gute Selbstführer können konsequent Ziele ableiten und diese engagiert verfolgen. Dabei lautet das Motto: Anpacken statt abwarten und fremde sowie eigene Erwartungen übertreffen. So steigt die innere Zufriedenheit an und die eigene Führung wird weiter gefördert: Nichts ist erfüllender, als sich zu überraschen und Unerwartetes geleistet zu haben.

Die Überzeugung, durch eigenes Handeln Resultate bestimmen zu können, führt dazu, dass man sich von äußeren Umständen weniger abhängig macht als zwingend nötig. Auch Unternehmen profitieren von diesen „Gestalter- und Macher-Typen“: Sie sind Träger einer unverwechselbaren positiven Kultur, die dazu motiviert, immer wieder Neues zu wagen. Daher ist es in Organisationen wichtig, ein Umfeld zu schaffen, welches nicht nur rein fachlich Entwicklungsperspektiven bietet, sondern weiterführend die Identifikation der Führungskräfte und Mitarbeiter steigert.

Grundlagen zum Selbstmanagement legen

Herausholen, was in uns steckt und auch über den Beruf hinaus glücklich sein – beides hängt zusammen und gelingt, wenn wir uns einiger grundlegender Aspekte klar werden.

  • Das will ich! Die Motive und Motivation sind zu erkennen. Sich bewusst zu machen, was einen bewegt, ist gar nicht so einfach. Eine Möglichkeit ist, sich vergangene positive Erlebnisse in Erinnerung zu rufen. Was hat mich begeistert und welches Bedürfnis wurde befriedigt? Damit nicht genug: In einem „Glückstagebuch“ kann jeder Mensch durch das Bewusstmachen der vielen kleinen und großen Fortschritte täglich neue Inspiration bekommen. Alle Ergebnisse können in einem „Motiv-Kompass“ zusammengeführt werden, um die beste eigene Kombination der Motivationsforen von Leistung und Engagement, Einfluss und Macht zu finden.
  • Dahin möchte ich! Mit dem „Zielhaus“ kann eine motivgerechte Zielbestimmung, -verfolgung und -revision erreicht werden. Es geht sowohl darum, für sich die große Linie zu finden als auch kurzfristige Anforderungen zu verfolgen und schließlich beides zu verbinden. Oft wird kurzfristiges Denken negativ abgestempelt, doch ohne tägliche Fortschritte gibt es auch keinen langfristigen Erfolg. Ziele besitzen deswegen nicht nur einen Eigenwert, sondern sind auch untereinander verknüpft. Wenn es in einem Bereich nicht gut läuft, helfen die anderen Ziele, wieder Fahrt aufzunehmen.
  • Das kann ich! Nur fachliche Kompetenzen allein reichen als Stärke nicht aus. Die Kombination aus Talent, Wissen und Wille kann aber zum besonderen Charakterzug werden. Mit dem „Kompetenz-Check“ wird das berufsspezifische Profil identifiziert und verfolgt. Dadurch gelingt es auch, die dringenden und störenden Schwächen anzugehen. So wird die Grundlage zur Steigerung der persönlichen Performanz gelegt und Kompetenzen können in sichtbare Leistung umgesetzt werden.
  • Das fordere ich! Eigene sowie fremde Erwartungen an Folgen und Ergebnisse dienen als Ansporn für Verbesserungen. Mit dem „Erwartungs-Prüfer“ werden Anforderungen gewichtet und in messbare Erfolgskriterien übersetzt. Diese Erfolgskriterien formulieren wiederum Rahmenbedingungen für die Erwartungen und wirken dadurch sowohl Unter- als auch Überforderung entgegen.
  • Das tue ich! Mit dem „Needs-Meter“ werden die besten Entscheidungen zur Zielverfolgung getroffen, um die eigenen Bedürfnisse effektiv zu verfolgen. Dabei gilt für wichtige Entscheidungen die Faustregel: „Eine Nacht darüber schlafen“ – oder auch zwei. Denn bei ganz spontanen Entschlüssen überwiegen die Emotionen. Allerdings kann auch zu langes Nachdenken über längst bekannte Entscheidungsparameter die Sache durch immer neue, meist unkalkulierbare Variablen nur komplizierter werden lassen. Es entstehen Widerstände und Widersprüche, wenn beispielsweise Kopf und Herz etwas anderes wollen. Gelöst werden kann dieser Konflikt am ehesten durch das Handeln nach bestem Wissen und Gewissen.

Die Selbstführung im Alltag beherrschen

Zum Verfolgen eigener Entscheidungen gehört es auch, Zweifel zu überwinden. Nur wer nichts wagt, hat keine Zweifel und macht nichts falsch. Auch äußere Einflüsse sind als Normalität anzuerkennen und Hindernisse als Chance für weitere Verbesserungen zu nutzen. Nicht zuletzt prägen unkalkulierbare Überraschungen und unkontrollierbare Ereignisse den Berufsalltag. Vieles kommt anders. Und was kommt, ist immer schwerer vorherzusehen. Der Wettbewerb bringt eine überraschende Innovation auf den Markt oder Kundenanforderungen ändern sich plötzlich, sodass die vorhandenen Kompetenzen nicht mehr ausreichen.

Erfolgreich ist deshalb, wer lernt, Überraschungen souverän zu meistern und für den eigenen Fortschritt zu nutzen. Das Gleiche gilt für Enttäuschungen und Niederlagen. Die Erhöhung der eigenen Resilienz ist das Schlagwort in diesem Zusammenhang. Es beinhaltet, Unsicherheiten selbst zu regulieren und nach Rückschlägen wieder aufzustehen.

In Unternehmen klammern sich Führungskräfte und Mitarbeiter jedoch an das Planbare und Geplante. Planungen abzuarbeiten ist einfach, wenn alles wie erwartet abläuft. Nur gelingt dies ganz selten – immer kommt etwas nicht Vorhersehbares oder nicht Vorgesehenes dazwischen. In der Realität ist kein Weg zum Ziel eine Gerade ohne Hindernisse oder Schlaglöcher. Die Nutzung der Umwege macht jedoch den Unterschied. Unerwartetes und Überraschungen zu nutzen – hier zeigt sich die wahre Stärke einer Person und Organisation.

Überraschungen schaffen Chancen

Wenigen Unternehmen ist klar, welche Chancen in Überraschungen verankert sind, um besser und stärker zu werden. Unerwartetes lehrt, anpassungsfähiger und flexibler zu werden und sich somit auf die permanenten Veränderungen innerhalb und außerhalb von Unternehmen einzustellen.

Der wichtigste Grund, warum das Potenzial des Ungewissen ungenutzt brach liegt, ist ein Überschuss an Planungen bis in das letzte Detail. Wer zu viel plant, den überrascht jeder Zufall. Viele Geschäftsplanungen geben nur Scheinsicherheit, auf alle künftigen Herausforderungen vorbereitet zu sein.

Wichtig ist, die übergreifenden Ziele zu fokussieren, sein „Zielhaus“ einzurichten. Wer weiß, wo er am Ende landen will und dafür eine eher grobe Routenplanung verwendet, kann auf dem Weg auch überraschende Gegenwinde nutzen oder sogar Untiefen ausweichen. Angesichts der neuen Umstände ist es dann vielleicht möglich, einen besseren Weg zu finden und einzuschlagen.

Dergleichen wird es häufig verpasst, das Unkalkulierbare als Möglichkeit für Verbesserungen anzusehen. Aus dem Ungewissen und den Überraschungen ist mehr zu lernen als allein aus vergangenen Erfahrungen allein. Die schnelle und passende Reaktion auf Veränderungen ist dementsprechend entscheidend, um im Wettbewerb bestehen zu können und motiviert Mitarbeiter und Führungskräfte zusätzlich. Denn nichts ist für die Zukunft aktivierender als etwas Unerwartetes zu leisten und sich selbst zu übertreffen.

Beispiel: Schwierigkeiten und Routinen als Antrieb

Selbstführer sind keine „Gewohnheitstiere“. Seinen eigenen Weg zu gestalten, heißt nicht nur, das zu tun, was man kann und was einem lieb ist. Denn dann bleibt ein Mensch garantiert nur das, was er ist. Gerade Schwierigkeiten und Routinen, die unlieb sind, sind eine gute Gelegenheit für die Weiterentwicklung. Die Alternative, Ausweichstrategien zu folgen, führt dagegen irgendwann in eine berufliche Sackgasse.

Indem man sich den Schwierigkeiten stellt, kann das eigene Management seine Stärken weiterentwickeln. Dazu hilft aber kein „Berufs-Optimismus“ mit einer inneren Stimme, die sagt: „Alles halb so wild“ oder „Das wird schon wieder“. Viel eher ist eine Betrachtung der Wirkungen und Ursachen erheblich, um Chancen oder konkrete Aufgaben ableiten zu können. Erst damit wird das Potenzial eines Problems oder inneren Widerstands aktivierbar.

Mit dieser Betrachtung lassen sich auch Fehler nutzbar machen. Zugleich kann dies aber auch zur Feststellung führen, dass es vielleicht nichts zu lernen gibt. Denn viele Alltagsfehler, die keine Auswirkungen auf die berufliche Leistung oder negative Auswirkungen auf das Unternehmen haben, ziehen keine Folgen für die eigene Zukunft nach sich. Auch das bedeutet Selbstcoaching: „Den Ball flach halten zu können“ also sich nicht auf jedes Thema, das jemanden beschäftigen kann, zu stürzen, Gelassenheit zu üben.

Dieser kurze Überblick hat gezeigt: Die eigene Führung fällt nicht vom Himmel und ist auch kein besonderes Naturtalent. Jeder kann sein eigener Coach werden und dabei seine Grenzen kennenlernen. In jedem Fall sollte man nicht vergessen: Nicht weil etwas schwer ist, wagen wir es nicht. Weil wir etwas nicht wagen, wird es schwer.

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Michael Groß, geboren am 17. Juni 1964, ist nicht nur mehrfacher Olympiasieger im Schwimmen. Als promovierter Kommunikationswissenschaftler ist er seit über zwanzig Jahren als Unternehmer tätig. Heute leitet er als Inhaber die Beratungs-Boutique „Groß & Cie.“, die sich auf das Change Management und Talent Management in Unternehmen spezialisiert hat. Zudem hat er an der „Frankfurt School of Finance & Management“ einen Lehrauftrag für „Organisationsentwicklung und Personalführung“. Nicht zuletzt ist Michael Groß Buchautor. Nach dem Fachbuch „Selbstcoaching“ 2014 erschien sein aktuell letztes Werk, das „Handbuch Change Manager“. Gross & Cie.

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