Herr Prof. Montgomery, wie wird sich die zunehmende Überalterung unserer Gesellschaft auf die gesundheitliche Versorgung auswirken?

Zunächst einmal beobachten wir in fast allen europäischen Ländern, dass das Durchschnittsalter steigt. Nur ein paar Zahlen für Deutschland: Experten prognostizieren bis zum Jahr 2030 eine Zunahme der Fallzahlen im stationären Bereich um mehr als zwölf Prozent. Dafür ist vor allem der steigende Behandlungsbedarf einer alternden Gesellschaft verantwortlich. Im Jahr 2015 betrug der Anteil der über 60-Jährigen Patienten in den Krankenhäusern 51,5 Prozent. Bis zum Jahr 2030 wird mit einem Anstieg auf 60,8 Prozent gerechnet. Deshalb müssen wir uns jetzt fragen, wie wir die medizinische Versorgung in den nächsten 15 bis 30 Jahren sicherstellen können. Denn in diesem Zeitraum verabschieden sich die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsleben und nehmen gleichzeitig das Gesundheitswesen deutlich mehr in Anspruch. Diese Entwicklung wird den Fachkräftemangel, unter dem wir heute schon leiden, noch weiter verschärfen.

Wie kann man gegensteuern?

Indem wir die Versorgungslücken durch intelligente Kooperationsmodelle schließen. Auch die Digitalisierung des Gesundheitswesens verspricht innovative Lösungen. Man wird auch über liebgewonnene Gewohnheiten reden müssen. Wer in ländlichen Regionen lebt, muss in Zukunft wohl mit vertretbaren, aber längeren Wegen rechnen. Im Zuge der Urbanisierung erlangen Zentren und Spezialisierungen einen neuen Stellenwert. In Verbindung mit neuen, sektorübergreifenden Versorgungswegen, die sich mehr am Bedarf der Patienten als an einzelnen Diagnosen orientieren werden, kann dies zu einer besseren Nutzung der knapper werdenden Ressourcen führen. Kurzum, ich glaube schon, dass die gesundheitlichen Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels gestemmt werden können. In manchen Bereichen können sich sogar positive Aspekte ergeben.

Welche meinen Sie?

Deutschland erwirtschaftet aktuell etwa zwölf Prozent seines Bruttoinlandproduktes im Bereich Gesundheit, Tendenz steigend. Schon jetzt beschäftigt das Gesundheitswesen deutlich mehr Hochqualifizierte als der Maschinenbau oder die Automobilindustrie. Gesundheit ist ein Zukunftsmarkt, und Deutschland ist in vielen Bereichen Vorreiter. Ich denke da an Themen wie Prävention, innovative Versorgungsmodelle oder Rehabilitation. Investitionen in das Gesundheitswesen sind deshalb immer auch Schlüsselinvestitionen in die Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft.

Wie bewerten Sie die Möglichkeit von Privatversicherten, durch Geld eine bessere medizinische Versorgung zu erhalten?

Die Gegner des dualen Systems aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung mögen das Schreckgespenst der Zwei-Klassen-Medizin an die Wand malen. Das gehört aber in den Bereich der Sagen und Legenden. Tatsächlich stehen alle wesentlichen Versorgungsleistungen gesetzlich wie privat Versicherten ohne größere Wartezeiten offen. Das belegen Umfragen immer wieder. Und niemand in Deutschland läuft Gefahr, durch hohe Behandlungskosten finanziell ruiniert zu werden.

Im anbrechenden deutschen Bundestagswahlkampf sind Forderungen nach einer Bürgerversicherung zu hören. Was halten Sie davon?

Davon halte ich gar nichts. Die Befürworter einer solchen Einheitsversicherung verwechseln Gleichheit mit Gerechtigkeit. Man kann nicht ernsthaft denken: Wenn alle Menschen gleich schlecht versorgt sind, dann wäre das gerecht. Ich plädiere für einen Erhalt des Nebeneinanders von gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV), weil unser Gesundheitssystem davon profitiert. Die PKV übernimmt neue Leistungen zügiger. Das zwingt die GKV zum Nachziehen. Eine Bürgerversicherung würde diesen Mechanismus lahmlegen, es käme neben der Bürgerversicherung zum freien Verkauf von medizinischen Leistungen an die, die es sich leisten können. Das wäre der Turbolader für eine Zweiklassenmedizin. Sie können das in allen Ländern mit Einheitsversicherung beobachten.

Prognosen gehen von steigenden Gesundheitsausgaben in Deutschland aus. Es ist sogar von einer Verdopplung der Zusatzbeiträge bis zum Jahr 2020 die Rede…

… was den Befürwortern der Einheitskasse als Berechtigung dient, das jetzige System zerschlagen zu wollen. Aber so löst man keine Probleme. Wir müssen gesetzliche und private Krankenversicherung fit für die Zukunft machen. Bei der PKV muss etwa an der Portabilität der Alterungsrückstellungen gearbeitet werden. Und natürlich muss die Politik auch bei der GKV nachjustieren. Im Übrigen kann ich die viel beschworene Kostenexplosion im GKV-Bereich beim besten Willen nicht erkennen. Der Anteil der GKV-Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt liegt schon seit Jahren um die 6,5 Prozent. Diese Zahlen sind nicht von mir, sie stammen von den Ersatzkassen.

Geld wird scheinbar auch für die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen benötigt. Im Wahljahr 2017 sollen sogar die Reserven des Gesundheitsfonds angezapft werden.

Der Gesundheitsfonds verfügt über knapp zehn Milliarden Euro an flüssigen Mitteln, wovon 4,2 Milliarden Euro Mindestrücklage sind. Aus den freien Mitteln sollen nächstes Jahr einmalig 1,5 Milliarden Euro entnommen werden – nicht nur, aber auch um Ausgaben für Asylbewerber zu decken. Das Problem dahinter sind jedoch nicht die Flüchtlinge, sondern unsere Hartz-IV-Regelungen, also das sogenannte Arbeitslosengeld II. In Deutschland zahlt der Bund den gesetzlichen Krankenkassen aus Steuergeldern pauschale Beiträge für die medizinische Versorgung von Hartz-IV-Empfängern. Darunter fallen arbeitslose Flüchtlinge, die nach 15 Monaten in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln, aber natürlich auch Deutsche. Die Pauschale für die Krankenversicherung von Hartz-IV-Empfängern von derzeit rund 90 Euro reicht nicht aus. Es sind eher an die 140 Euro nötig. Dies geht auch nicht zu Lasten der Krankenkassen und damit der Beitragszahler, sondern ist eine durch Steuern zu finanzierende staatliche Aufgabe.

Was muss sich bei der Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen strukturell ändern?

Da muss sich einiges ändern, aber lassen Sie mich zunächst darauf hinweisen, dass die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland in den letzten Monaten außergewöhnliches Engagement gezeigt haben. Dafür gebührt ihnen Dank, Anerkennung und Respekt. Allerdings kann ehrenamtliche Arbeit keine dauerhafte Lösung sein. Im Augenblick kommen nur noch wenige Flüchtlinge in Deutschland an. Das verschafft uns eine Atempause für grundsätzliche Nachbesserungen.

Welche meinen Sie konkret?

Ich sehe noch immer großen Handlungsbedarf bei der personellen Aufstockung des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Auch die Einführung der Gesundheitskarte für Flüchtlinge verläuft nur schleppend. Dabei führt die Karte nicht nur zu einer besseren gesundheitlichen Versorgung. Sie trägt auch dazu bei, überflüssige Bürokratie zu vermeiden und Kosten zu sparen. Dies zeigen die guten Erfahrungen mit der Karte in Bremen und in meiner Heimatstadt Hamburg. Inzwischen hat der Bund den Weg für die Gesundheitskarte geebnet, aber längst nicht alle Länder und Kommunen machen von der Möglichkeit Gebrauch. Hierdurch entsteht bei der Gesundheitsversorgung der Flüchtlinge ein Flickenteppich in Deutschland, den wir so nicht hinnehmen können.

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Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery ist Präsident der deutschen Bundesärztekammer. Er absolvierte das Studium der Medizin an den Universitäten Hamburg und Sydney, welches er mit Approbation und Promotion abschloss und mit einer Weiterbildung zum Arzt der Radiologie komplementierte. Schon früh engagierte er sich im Marburger Bund, der größten Ärztevereinigung in Europa, dessen Bundesvorsitz er von 1989 bis 2007 innehatte. Seitdem bekleidet er das Amt des Ehrenvorsitzenden. Ebenfalls 2007 berief ihn die Bundesärztekammer zu ihrem Vizepräsidenten, die Wahl zum Präsidenten folgte 2011.

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