Die vierte industrielle Revolution ist neben den neuen Möglichkeiten für Unternehmen auch immer von Anpassungsdruck an veränderte Marktbedingungen geprägt um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Wie hat Ihr Unternehmen auf diese Veränderungen im Grad der Vernetzung von Robotikanwendungen reagiert und welche Themen sind in den letzten Jahren in den Fokus der Kunden gerückt?

Charakteristisch für Industrie 4.0 ist die Vernetzung von automatisierten Prozessen mit der IT-Welt. In der Produktion wachsen Hardware, Software und IT immer mehr zusammen. Der Roboter als flexibles Produktionselement wird dabei in der Lage sein, Daten in der Produktion zu sammeln und diese mit den IT-Systemen auszutauschen. Dadurch werden Produktionsabläufe noch effizienter und die Systeme können schnell auf individualisierte Kundenwünsche reagieren. Genau das ist auch der Anspruch der Kunden.

Wir haben bereits heute wichtige Bestandteile für die Umsetzung von Industrie 4.0: sichere Robotersysteme für die Mensch-Roboter-Kollaboration, Mobilität mit integrierter autonomer Navigation, modulare Steuerung für die Anbindung an die IT-Welt. Dafür haben wir nicht nur die eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung durch internationale Standorte erweitert, sondern auch extern in Startups investiert und strategische Partnerschaften geschlossen, gerade im Software- und IT-Bereich.  Außerdem entstehen neue Geschäftsmodelle. Gemeinsam mit Munich Re und MHP arbeiten wir an einem Projekt das sich „Smart Factory as a Service“ nennt. Denkbar wäre, dass Investoren in eine Fertigung investieren und der Betreiber darin flexibel für mehrere Auftraggeber produziert. Durch die Vernetzung der Anlage können frühzeitig Service-Fälle erkannt und behoben werden. Produktionsausfälle und das Risiko der daraus entstehenden Schäden verringert sich und könnte über Munich Re abgesichert werden.

Beim Thema Robotik und veränderte Produktionsmöglichkeiten ist bei vielen Arbeitnehmern die Angst vor dem zukünftigen Abbau von Stellen präsent. Wie zutreffend ist dieses Zukunftsbild und welche Rolle wird der Mensch neben Robotern in der Fabrik der Zukunft spielen?

Automatisierung schafft Arbeitsplätze. Roboter ermöglichen es unseren Kunden effizienter und kostengünstiger zu produzieren und das in einer höheren Qualität. So müssen Produktionen nicht in Niedriglohnländer verlegt werden.

Mit der immer älter werdenden Gesellschaft verschärft sich auch der Fachkräftemangel, der heute schon stark spürbar ist. Körperlich anstrengende Tätigkeiten werden mit steigendem Alter der Mitarbeiter zunehmend problematisch. Automation wird eine Chance sein, die Gesundheit der Mitarbeiter zu erhalten und wertvolle Fachkräfte bestmöglich einzusetzen. Gebraucht werden Robotersysteme, die in der Lage sind mit dem Menschen Hand in Hand zu arbeiten, wie etwa unsere KUKA Leichtbauroboter LBR iiwa oder LBR iisy. Roboter können aber immer nur Tätigkeiten übernehmen und keine Berufe erlernen. Worauf wir uns aber schon einstellen müssen ist die Tatsache, dass die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert. Darauf müssen wir mit entsprechenden Bildungskonzepten reagieren.

Wie können die unterschiedlichen Generationen von Mitarbeitenden in die neue Technik eingeführt werden, sodass diese schnell von deren Vorteilen bei der Arbeit profitieren können? Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Bedienbarkeit?

Schon in Schulen braucht es einen aktualisierten Lehrplan, zeitgemäße IT-Ausstattung sowie Fort- und Weiterbildungen für Lehrer auf diesem Gebiet. Zudem wird sich das Thema Weiterbildung über das gesamte Berufsleben erstrecken, damit Beschäftigte mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten können. Die Arbeitsplätze von morgen werden anders sein, als wir sie heute kennen, vor allem interdisziplinäres Arbeiten wird wohl immer mehr in den Fokus rücken. Wir engagieren uns dazu in verschiedenen Gremien, Schulter an Schulter mit der Gewerkschaft.

Ihr Roboter LBR iiwa wirbt mit einem hohen Sicherheitsniveau zur optimalen Zusammenarbeit von Mensch und Roboter. Welche Unterschiede in den Sicherheitsfunktionen sind in diesem Modell gegenüber klassischen Industrierobotern enthalten?

Wir haben mit dem LBR iiwa bereits 2013 den ersten und damals einzigen industrietauglichen sensitiven Roboter auf den Markt gebracht. Wir sind auf diesem Gebiet Innovationstreiber. Gerade haben wir auf der Messe unseren neusten sensitiven Leichtbauroboter, den LBR iisy vorgestellt. Gemeinsam haben beide Robotertypen,  dass sie für den  Kontakt zwischen Mensch und Roboter ihre Geschwindigkeit beschränken können, um die im System gespeicherte kinetische Energie zu begrenzen. Sie können Kollisionen zuverlässig erkennen und Kräfte, die sie auf den Menschen ausüben, auf ein ungefährliches Niveau reduzieren. Alle diese Funktionen sind in sicherer Technik umgesetzt.

Durch die integrierte Gelenkmomenten-Sensorik können die beiden LBR Modelle sehr schnell auf äußere Kräfte reagieren. Ihr Fahrverhalten sowie die Positioniergenauigkeit sind sehr gut. Zudem bietet der LBR iiwa durch seine sieben Achsen eine hohe Zugänglichkeit. So kann der Mensch ohne Schutzzaun direkt mit dem Roboter zusammenarbeiten. Das hat den Vorteil, dass der Assistent Roboter schwere, unergonomische, monotone oder sogar gefährliche Tätigkeiten übernehmen kann.

Bei grossen Investitionen in neue Technologien sind neben Effizienzsteigerungen auch die flexiblen Anpassungen der Arbeitsabläufe an Veränderungen der Nachfrage und verkürzte Produktlebenszyklen in immer mehr Branchen wichtig. Wie können Roboter die Unternehmen dabei unterstützen?

Industrieroboter sind hochflexible Maschinen. Dass die Robotik-Technologie ein Kernelement zur Lösung der Herausforderungen ist, bestätigt auch die stark ansteigende Nachfrage. Dass sie zunehmend mobiler werden, ist dabei nur ein logischer nächster Schritt. Es muss jedoch eine Technik eingesetzt werden, die nicht nur hochflexibel, sondern auch vernetzt und intelligent ist. Dies setzen wir zum Beispiel schon jetzt mit unserer Matrix-Produktion um. Sie ist extrem wandlungsfähig und alle Komponenten sind während der gesamten Prozesskette über die cloudbasierte Softwarelösung KUKA Connect verbunden. So können individuelle Produkte zu Bedingungen der Massenproduktion hergestellt werden. Der Mensch behält dabei stets den Überblick, was gerade wo geschieht und wo sich ein Produkt gerade in der Produktionskette befindet.

Auch der Gesundheitssektor ist von grossen Herausforderungen betroffen. So steigen neben zunehmender Überalterung der Bevölkerung in Industrienationen auch die Ansprüche an die Qualität der medizinischen Leistungen bei gleichzeitigem Kostendruck für Kliniken. Wie können robotergestützte Automatisierungslösungen Behandlungen unterstützen und welche Massnahmen sind für die Akzeptanz bei den Patienten notwendig?

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts geht man davon aus, dass in knapp 50 Jahren fast zehn Millionen Menschen in Deutschland 80 Jahre und älter sein werden. Das ist eine ungeheure Herausforderung für das Gesundheitswesen, zumal bereits heute großer Fachkräftemangel im Bereich Pflege herrscht. Roboter können im Gesundheitsbereich beispielsweise infektiöse Abfälle entsorgen oder in Krankenhäusern in bestimmten Fällen Prozesse wie Verschreibung, Verpackung, Beschriftung, Lagerung und Abgabe übernehmen. Roboter könnten den Pflegekräften auch körperlich anstrengende Tätigkeiten wie Patientenpositionierungen abnehmen, um die Gesundheit der Mitarbeiter zu erhalten und somit wertvolle Fachkräfte bestmöglich einzusetzen. In Zukunft könnten Roboter-Assistenten auch dabei helfen, dass ältere Menschen länger in ihrem gewohnten Umfeld leben können, indem sie zum Beispiel beim Aufstehen helfen.

In der Medizinrobotik arbeiten wir mit ausgewählten Instituten, Partnern und Integratoren zusammen. Der Vorteil von Robotern liegt hier klar in der Präzision und Zuverlässigkeit. Röntgenbildgebung oder Strahlentherapie können beispielsweise sicherer und exakter ausgeführt werden.

In welchen Branchen und Ländern kann in Zukunft mit verstärkter Nachfrage gerechnet werden und was sind die Ziele von KUKA in den nächsten 5 Jahren?

Robotik wird in neue Felder gehen und Roboter werden zunehmend zum Assistenten des Menschen. Vor allem das Marktpotenzial bei Cobots, also kollaborativen Robotern, die mit Menschen arbeiten, ist enorm.Denken Sie einmal an die ersten Handys, die noch nicht viel konnten. Heute haben Sie mit dem Smartphone einen Mini-Computer als permanenten, unentbehrlichen Lebensbegleiter. Robotik könnte eine ähnliche Entwicklung haben. Es ist momentan schwer vorstellbar, was Roboter in Zukunft alles können werden. Mit unserer Konzeptstudie i-do haben wir aber schon eine Plattform entwickelt, die sich individuell durch modulare Features erweitern und anpassen lässt. Es geht dabei jedoch nicht im ersten Schritt darum, einen Roboter zu bauen, der alles kann. Das konnten die ersten Handys auch nicht. Vielmehr wird sich das über die Zeit an die Bedürfnisse der Menschen anpassen.

China hingegen ist der Zukunftsmarkt für die Robotik. Schon heute ist er der mit Abstand größte Absatzmarkt für Industrierobotik mit sehr hohen Wachstumsraten. Die International Federation of Robotics schätzt die Zahl der verkauften Robotereinheiten bis 2020 auf knapp 210.000. Wir profitieren von diesen Wachstumstrends, ebenso aber auch von den Regierungsplänen, die Automatisierung weiter vorantreiben und uns Möglichkeiten bieten, in China zu investieren. Unser strategischer Fokus passt dazu sehr gut.

SHARE
Previous articleBildung 2.0
Next articleInterview mit Valentin Stalf CEO N26
Dr. Till Reuter, Vorstandsvorsitzender der KUKA AG Dr. Till Reuter (Jg. 1968) ist seit 2009 Vorstandsvor- sitzender der KUKA Aktiengesellschaft. Sein Studi- um der Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen schloss er 1993 ab (lic. oec. HSG). Parallel dazu studierte er Rechtswissenschaften an der Uni- versität Konstanz und schloss 1994 als Jurist ab. Im Anschluss daran arbeitete er als Anwalt und Invest- mentbanker in Europa und Amerika. 2008 gründete er die Beteiligungsgesellschaft Rinvest AG, deren Verwaltungsratsvorsitzender er ist. Seit 2015 ist er zudem Mitglied des Stiftungsrats der Bayerischen Forschungsstiftung.

NO COMMENTS